Unsanft fällt die Zimmertür des Motels ins Schloss, als uns die frische Luft im Bryce Canyon Nationalpark um die Nase weht. Wir sind vorbereitet und tragen das erste Mal seit unserer Ankunft in den USA vor über einer Woche eine Jacke. Wetterbericht und Mietwagen sind sich nahezu einig, was die Temperatur angeht: rund 45 Grad Fahrenheit, umgerechnet um die 6 Grad Celsius am frühen Morgen. Nach den letzten Tagen, die wir in San Francisco und Zion Nationalpark verbracht haben, ein ziemlicher Temperaturunterschied für uns, aber für diese Jahreszeit und auf guten 2.300 Metern Höhe normal.

Gestern.
Zugegeben: kurz nach unserer Ankunft im Hotel haben wir bereits einen Abstecher zum Sunset Point in den Bryce Canyon Nationalpark gemacht. Zu gut das Wetter, zu groß die Vorfreude, zu gut die Lichtstimmung. Das faszinierende Panorama von dieser Stelle aus hatte sich nach nur wenigen Minuten in unserer Gedächtnis gebrannt und die Vorfreude auf den nächsten Tag – also heute – gesteigert.


Heute.
Am Eingang des Parks müssen wir nicht lange mit dem Auto warten. Annual Pass vorzeigen, ein kurzer Plausch mit der freundlichen Rangerin und der Tag im Bryce Canyon kann beginnen. Im Gegensatz zum Zion Nationalpark ist die Main Road des Parks das ganze Jahr über mit dem eigenen PKW befahrbar, sodass wir nicht auf das ebenfalls verfügbare Busshuttle angewiesen sind.

Die ersten Kilometer der insgesamt 29 Kilometer langen Main Road sind ebenso abwechslungsreich wie das Wetter wechselhaft ist. Immer wieder zweigen kurze Nebenrouten zu Aussichtspunkten und Wanderwegen ab. Eben waren noch Bäume direkt am Straßenrand, nach der nächsten Kurve zeigt sich dann eine kleine Hochebene, die wir in Kürze bereits wieder hinter uns gelassen haben. Keine drei Windungen später legt sich eine kühle Nebelwand über den Nationalpark und lässt den Blick über die Wipfel verschwinden. Von der Sonne und den blauen Himmelsfetzen zuvor keine Spur mehr. Kälte macht sich breit, als wir das Auto verlassen und ein paar Meter in dieser mystischen Umgebung dem Wanderweg folgen.

Stille umgibt uns. Mild hallen unsere Schritte durch die kühle Bergluft, hier und da zwitschert ein Vogel. Ab und an fährt – von der Wand nahezu fast verschluckt – ein Auto über die nahe, aber nicht zu sehende Straße. Keine halbe Meile später hat sich der Nebel schon wieder verzogen. Es ist, als wäre er nie da gewesen.

Ebene im Bryce Canyon Nationalpark

Ebene im Bryce Canyon Nationalpark

Aussicht gen Westen

Aussicht gen Westen

Kaum haben wir gedacht, dass wir den Nebel überwunden haben, da taucht er auch schon wieder auf. Ausgerechnet am Farview Point treibt er seine grauen Katz-und-Maus-Spielchen mit uns. Blicke in die Ferne und Weite schweifen zu lassen ist nur bedingt möglich. Immer wieder schwappen neue Schwaden wellenartig über die Klippe und verhindern den Blick über die rot-grüne Landschaft, bis die Sonne langsam, aber sicher die Oberhand über den Nebel gewinnt: jedenfalls vorerst.

Im Zion Nationalpark sind wir bereits mit einer faszinierenden Landschaft verwöhnt worden. Dem steht der Bryce Canyon definitiv in nichts nach. Beide Parks unterscheidet jedoch etwas grundlegendes: im Zion Nationalpark sind wir unten, am Fuße der Canyons gewandert. Jetzt und hier, im Bryce Canyon, wandeln wir auf dem Rücken des Parks. Statt auf die steilen und aufragenden Felswände schauen wir nun von ihnen herab auf die weite Landschaft. Grüne Bäume wirken wie schmale Striche vor einer roten Leinwand, mal mehr mal weniger den Untergrund überdeckend.

Der Meilenstand unseres Mietwagens steigt stetig mit jedem weiteren Aussichtspunkt, den wir passieren. Natural Bridge, Agua Canyon und Ponderosa Canyon: alle Aussichtspunkte beeindrucken uns auf ihre Art und Weise. Hinter jeder Kurve, an jedem Aussichtspunkt zeigt die Natur ihre Verwandlungskünste.

Farview Point

Farview Point

Natural Bridge

Natural Bridge

Am Parkplatz unweit des Rainbow Points endet die Main Road. Endstation. Auf dem bereits großzügig angelegtem Parkplatz herrscht Gedränge: es dauert etwas, bis wir eine Parklücke finden. Als wir aussteigen schlägt uns die feuchte Höhenluft entgegen. Am Himmel haben die Wolken wieder die Überhand gewonnen und die Sonne verdrängt. Trotz der schützenden Bäume am Rand des Parkplatzes spüren wir den kühlen Wind, der auf dieser Höhe herrscht. Über einen der zahlreichen Fußwege laufen wir herüber zur steil abfallenden Klippe, wo es uns fast die Sprache verschlägt: die gesamte Ostseite des Bryce Canyon Nationalparks erstreckt sich vor uns.

Staunend stehen wir am rostbraun-gefärbten Zaun, der die Besucher von der fast senkrecht nach unten führenden Felskante trennt. Das grüne Tal liegt erstreckt sich von hier aus über seine gesamte Weite, eingerahmt durch die roten Hoodos und scharfkantigen Felsen, die den Bryce Canyon formen. Tiefhängende Wolken sorgen nicht nur in der Ferne für eine eindrucksvolle und dramatische Szenerie, sondern auch hier, am Rainbow Point. Lautlos wie eine Katze auf ihren Samtpfoten schleicht sich eine dichte Wolkenfront an den Aussichtspunkt heran. Es wird dunkler. Keine zwei Minuten später beginnt es zu regnen und die Aussicht hat sich verschleiert.

Talblick vom Rainbow Point über den Bryce Canyon

Talblick vom Rainbow Point über den Bryce Canyon

Es dauert nicht lange, bis sich die weißgrauen Wolkenschleier wieder verziehen. Der kurze Regenschauer wirbelt einen Duft nach frischer Feuchtigkeit und kühler Frische auf. Feuchter Geruch nach Sandstein und klammer Erde sowie dezenter Holzgeruch liegen in der Luft, als wir durch die restlichen vom Himmel fallen Tropfen wieder in Richtung Auto gehen. Über die Main Road treten wir den Rückweg zum Hotel an, nicht jedoch ohne am Inspiration Point noch einen wirklich allerletzten Stopp einzulegen.

Vom Parkplatz führt ein steiler Weg die Klippe hinauf. Nur wenige Feet vom oftmals fast senkrecht nach unten abfallenden Rand geht es Schritt für Schritt mühsam den Hang hinauf. Minuten später ist der letzte Aufstieg des Tages geschafft. Der Bryce Canyon liegt mit all seiner Schönheit vor uns und hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Seine Verabschiedung ist im wahrsten Sinne des Wortes fast ein Donnerschlag. Während auf der einen Seite die Sonne ihr Antlitz durch die dichten Wolken schiebt, zieht auf der anderen Seite ein Gewitter auf und kündigt sich bereits mit zuckenden Blitzen an.

Blitze zucken auch bei uns, allerdings ungefährliche: fernab des Gewitters blitzen hier nur die Fotoapparate.

I see skies of blue and clouds of white
The bright blessed days, the dark sacred nights
And I think to myself
What a wonderful world

Louis Armstrong – What A Wonderful World

Ponderosa Point

Ponderosa Point

Upper Inspiration Point

Upper Inspiration Point